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Ist in den Niederlanden die Euthanasie außer Kontrolle?

Spiel mir das Lied vom Tod

Der alarmierende Bericht eines holländischen Mediziners / Von Erich Läufer

Zu den allgemeinen Menschenrechten zählt: „Jedermann hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person“ (Artikel 13). Was ist aus dieser Erklärung, der die Nationen der Welt vor rund 50 Jahren zugestimmt haben, geworden? Sieht man in diesem Zusammenhang einmal davon ab, dass viele UN-Mitgliedsstaaten inzwischen die Abtreibung legalisierten und damit ein wichtiges Menschenrecht auf Leben über Bord geworfen haben, dann ist festzuhalten, dass das Recht auf Leben ebenfalls in Deutschland keinen absoluten Stellenwert mehr hat, denn bis hinein in katholische Gruppierungen wird dem Selbstbestimmungsrecht der Frau in Fragen der Abtreibung mehr Gewicht beigemessen als dem Recht des ungeborenen Kindes.

Seit geraumer Zeit gibt es deutliche Warnungen, dass das Leben nicht nur am Anfang, sondern auch an seinem Ende bedroht ist. Von Euthanasie ist dann die Rede. Weil dieser Begriff „Euthanasie“ (sanfter Tod) von den Nationalsozialisten für ihre Tötungsprogramme zur Ausmerzung Alter, Schwacher und Behinderter gebraucht wurde, ist dieses Wort im Deutschen negativ belastet. Aber auch dann, wenn für die gleiche Sache der Ausdruck „aktive Sterbehilfe“ eingeführt wird, ist damit die gezielte und bewusste Beschleunigung des Todes in aller Regel durch einen Arzt gemeint. Inzwischen taucht aus dem Englischen ein weiterer Begriff auf, der die Sache nicht besser macht: „mercy-killing“, Mitleidstötung.

Davon zu unterscheiden ist Sterbehilfe als Sterbebegleitung, wie sie zunehmend von Menschen und Hospizen geübt wird, um todkranke Menschen in der letzten Phase des Lebens hilfreich zu begleiten und nicht allein zu lassen. Euthanasie ist etwas anderes. Wie oft schon habe ich die Sätze gehört: „Ich bin für aktive Sterbehilfe. Es ist doch menschenunwürdig über Monate hinweg auf Intensivstationen an Schläuche angehängt zu werden und dann doch elendig zu krepieren. Und was das kostet! Alte Leute sollten wissen, dass irgendwann ja doch Schluss ist mit dem Leben.“ Da mag zum einen die Angst dahinter stecken, sich gegen die technisierte Hochleistungsmedizin nicht wehren zu können, zum anderen die Angst vor einem langen oder kostspieligen Sterben.

Hier kommt die Euthanasie ins Spiel. Seit einigen Jahren gibt es hierzulande Organisationen, die sich für ein „humanes“ Sterben einsetzen, wie sie es nennen, und gesetzliche Regelungen für das „Recht auf Sterben“ auch in der Bundesrepublik verlangen. Sie wollen für Deutschland, was in Holland möglich ist: Der Arzt darf tödlich wirkende Medikamente verabreichen oder einen „Giftbecher“, ohne selbst Strafe fürchten zu müssen.

In den Niederlanden ist die Euthanasie, die aktive Sterbehilfe durch Ärzte, am weitesten fortgeschritten und durch Gesetze geregelt. Zwar steht auf dem Papier, dass gewährleistet sein soll, dass die ausdrückliche Bitte des Patienten erkennbar ist; die wiederholte Beratung zwischen Arzt und Patient stattgefunden hat und die Konsultation eines weiteren Mediziners erfolgte. Darüber fertigt dann der Arzt, der die Euthanasie durchführt, einen Bericht an.

In einem alarmierenden und kritischen Beitrag in der deutschen Mediziner-Fachschrift „Der Internist“ hat in der Juni-Ausgabe der niederländische Arzt K. F. Gunning seine Erfahrungen angesichts der neuen Rechtslage beschrieben. Wörtlich hält er fest: „Das neue Gesetz in Holland macht es möglich, dass ein Arzt straflos das Leben eines Patienten beenden kann, vorausgesetzt, er befolgt einige Richtlinien (siehe oben). Aber der zu konsultierende Arzt muss nicht notwendigerweise ein Facharzt sein oder ein Palliativmediziner. Der Arzt selbst füllt den geforderten Fragebogen aus und der Staatsanwalt tritt in Aktion (oder auch nicht) je nachdem, wie der vom Arzt abgefasste Bericht ausfällt. Auch nach holländischem Recht kann von niemand verlangt werden, dass er sich selbst anklagt. Der Hauptzeuge, der Patient, ist tot. Der Arzt kann also schreiben, was er will. Kurz gesagt: Das neue Gesetz schützt den Arzt und nicht den Patienten. Der Patient, der nicht euthanasiert werden will, ist seines Lebens nicht mehr sicher.

Noch schlimmer: Die Todesmentalität wird in Holland allmählich zur Norm in der medizinischen Praxis. Ein Internist, der eine Frau mit Lungenkrebs wegen Sauerstoffmangels in die Klink aufnehmen wollte, musste ihr versichern, dass er sie nicht euthanasieren würde, was sie befürchtete. Er wies sie selbst ein und nach 36 Stunden war ihre Atmung normal, ihr Gesamtzustand besser. Als der Arzt nach Hause ging, euthanasierte sie sein Kollege. Seine Rechtfertigung: ‚Wir brauchen das Bett für einen anderen Fall, für die Frau ist es egal, ob sie jetzt stirbt oder in vierzehn Tagen.‘ In der Tat gibt es Ärzte, die sagen, wenn sie von den Erfolgen mit der Palliativmedizin hören, dass sie das nicht bräuchten, weil sie ja die Euthanasie hätten. Als ich einem Kollegen erzählte, es wären im Jahr 1995 in zwanzig Prozent aller Todesfälle Euthanasie angewandt worden, war seine Antwort: Es sollten hundert Prozent werden. Es gibt inzwischen Verwandte von Patienten in Holland, die von den Ärzten erwarten, dass sie die Euthanasie zu ihrer Annehmlichkeit anwenden. Da wurde zum Beispiel der Tod eines alten Mannes jeden Tag erwartet. Der Sohn sagte dem Arzt, er habe Ferien geplant und könne nicht mehr absagen. Er wolle, dass die Beerdigung noch vor seiner Abreise stattfinden solle. Der Arzt verabreichte daraufhin dem alten Mann eine seines Erachtens sehr hohe Dosis Morphium, in der Absicht, ihn zu töten. Als er zurückkam, um den Tod festzustellen, saß der Mann fröhlich auf der Bettkante. Er hatte endlich genug Morphium bekommen, das seine Schmerzen linderte. Der ‚behandelnde‘ Kollege erzählte mir diese ganze Geschichte, als ob es völlig normal sei, einen Patienten zu töten, um der Familie einen Gefallen zu tun.“

Der Bericht des holländischen Arztes wühlt auf. Wer wird, wenn die so genannten Grundwerte immer mehr schwinden, so fragt der holländische Arzt an anderer Stelle seines Berichtes, es der jüngeren Generation eigentlich verübeln, die „unzumutbaren“ Alten zu euthanasieren? Dies um so mehr, als die Jungen selbst doch auch nur die Überlebenden eines vorgeburtlichen Selektionsprozesses sind, aus dem sie gelernt haben.

In Deutschland stellt die Gesetzgebung solche Zustände wie die beschriebenen unter Strafe. Aber auf immer? Wie war das vor einigen Jahren, als es um die Gesetzgebung zur Abtreibung ging? Bis heute gibt es Politiker und Politikerinnen, unter ihnen auch Christen, die deutschen Frauen den Weg nach Holland in die dortigen Abtreibungskliniken ersparen wollten und deshalb für eine großzügigere Abtreibungspraxis in Deutschland sich einsetzten. Sie haben ihr Ziel erreicht.

Die Demokratie ist eine empfindliche Pflanze, die ständiger Aufmerksamkeit und Pflege bedarf. Das infame Beispiel der Nationalsozialisten lehrt, was geschieht, wenn die Ehrfurcht vor unseren Mitmenschen und ihrem Recht auf Leben verloren geht. Sowohl das Recht auf das noch ungeborene Leben wie auch das Recht auf Leben, wenn es seinem Ende zugeht. Bei manchen Katholikinnen und Katholiken wäre dies des neuen Nachdenkens wert, wenn sie, aus vielleicht gut gemeinten Gründen, die aber vom Recht auf Leben aus betrachtet, nicht nachvollziehbar sind, sich in der hiesigen Abtreibungspraxis auf eine schräge Ebene begeben, wo es schließlich kein Halten mehr gibt. „Läuft am Ende alles auf den Ausverkauf des Menschen hinaus?“ (Jan Roß) Ist seine Unantastbarkeit erst einmal preisgegeben und sei es mit besten Absichten oder sogar mit eigener Zustimmung, dann gibt es kein Halten mehr. Es breitet sich aus, was Papst Johannes Paul II. die „Zivilisation des Todes“ nennt und wofür er heftig angegriffen wird. Er meint ein kulturelles Klima, in dem Leben disponibel und manipulierbar wird, wo es sich ausweisen muss vor Kosten-Nutzen-Rechnungen. Seine Lebensschutzphilosophie ist eine Oase der Konsequenz in einer Wüste der Heuchelei, wo bedrohte Froschlaiche mit Mahnwachen versehen werden, während die Entwertung menschlichen Lebens weitergeht. Man kann darüber streiten, wie wahrscheinlich es ist, dass alles wirklich so schlimm kommt. Für das zusammenwachsende Europa ist zu wünschen, dass die übrigen Staaten stark genug sind, die Euthanasie zu verweigern, die wie K. F. Gunnig schreibt, in Holland „außer Kontrolle“ geraten ist.

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