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Dicke Luft

Viele kennen das, wenn einem geraten wird: „Geh da besser nicht rein. Da herrscht dicke Luft.“ Das Büro kann gemeint sein, ein Klassenzimmer, die Konferenz der Manager, die Mieterversammlung. Auch im sonst trauten Heim herrscht manchmal dicke Luft. Sie ist kein Naturereignis wie Nebel oder Hagel, denen der Mensch ohnmächtig ausgeliefert ist.

Dicke Luft kommt über uns, wenn etwas schief gelaufen ist oder jemand keine Kritik vertragen kann. Meinungsverschiedenheiten sind oft Grund für dicke Luft oder wenn Macht blind macht. Andere Zutaten sind Neid und Eifersucht. Für unser Zusammenleben ist das alles schädlich wie der Feinstaub auf unseren Straßen.

Wer ist schuld? An vielem Unfug, der passiert, sind nicht nur die schuld, die ihn tun, sondern auch die, die ihn nicht verhinderten, obwohl sie es gekonnt hätten.

Geht das Thema auch Christenmenschen etwas an? Natürlich. Nicht immer steigt weißer Rauch über die Kirchendächer in den Himmel und macht die Menschen glücklich, denn unter den Dächern gibt es manchmal dicke Luft, die nichts mit den Weihrauchwolken zu tun hat, weil Messdiener heimlich löffelweise Körner nachgelegt haben. Dicke Luft gibt’s manchmal dann, wenn es zu Reibereien und Querelen gekommen ist. Damit muss man auch bei „Mutter Kirche“ rechnen, denn ihre Kinder sind Menschen und nicht immer Tugendbolde und noch seltener Heilige. So ist die Luft mal dick „bei denen da oben“, wie die Leute sagen, und ein ander Mal unten in der kleinen Pfarrei St. Miff-Möff.

Mal geht es um Personen und Positionen, dann wieder ums raffinierte Taktieren. Dicke Luft kommt auf, wenn die Richtigen das Falsche getan haben oder die Falschen die Richtigen aufs Kreuz legten und besonders, wenn verletzte Eitelkeiten eine Rolle spielen. Auch unter Kirchenleuten wird es Strippenzieher geben und Heckenschützen, wobei besonders erbärmlich die Zuträger sind und Denunzianten, die sich um Anderleutsehre keinen Deut kümmern. Wo auch immer: Dicke Luft löst Ängste aus. Sie bedrückt. Und es gibt in der Geschichte der Kirche auch Beispiele dafür, wie die Arroganz der Macht dem Gottesvolk die Luft zum Atmen nimmt oder genommen hat.

Doch wie damit umgehen? Die große Teresa von Avila sah das gelassen. Vielleicht weil sie eine Heilige war. Sie meinte einmal von der zum Gottesdienst versammelten Gemeinde — damals noch alle mit dem Gesicht zum Kreuz und vorne am Altar ebenfalls dem Gekreuzigten zugewandt der Priester —, das sei „die Karawane der Sünder“ von ihm angeführt. Dicke Luft unter Christen? „Bei euch soll es nicht so sein“, mahnte der Herr seine Jünger, als es darum ging, wie sie miteinander umgehen sollen. Christlich. Eben, genau so.

Wenn etwas schief gelaufen ist, wird die Luft wieder klar, wenn wir uns daran halten, was bei Matthäus 5,24 nachzulesen ist. Keine leichte Übung ist da beschrieben. Versöhnung verschafft Profil und mit Demut hat noch nie ein Christenmensch sich was vergeben. Wer aus Fehlern lernt, hört vor allem auf, sie bei anderen zu suchen.

Sicher — damit sind wir noch lange nicht so, wie es einmal von unseren seligen Vorvorfahren am Anfang unserer Glaubensgemeinschaft hieß, als die Welt staunte und von deren Umgang miteinander sagte „Seht, wie sie einander lieben“.

Der Weg zu diesem Meisterstück ist lang. Wenn Christen sich wenigstens ehrlich in die Augen schauen können, ist schon viel gewonnen.

Giovanni Don Bosco, einer meiner Lieblingsheiligen, erlebte als begnadeter Seelsorger mehr als einmal dicke Luft in der Kirche und Unrecht obendrein. Dennoch ließ er sich nie beirren: „Halte dich an Gott“, schrieb er. „Mach es wie der Vogel, der nicht aufhört zu singen, auch wenn der Ast auf dem er sitzt bricht, denn er weiß, dass er Flügel hat.“
ERICH LÄUFER

© 2006  by Kirchenzeitung für das Erzbistum Köln