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„Wir wollen Raum gewinnen für unseren Auftrag“

Interview mit Kardinal Joachim Meisner über die Neuordnung der Seelsorgebereiche

Kardinal Joachim Meisner: „Wir müssen jetzt handeln, damit wir als Kirche von Köln auch in den kommenden Jahren die Seelsorge für alle Menschen sicherstellen können.“ (Foto: Boecker)

FRAGE: Sie haben den Neuordnungsprozess in den Seelsorgebereichen des Erzbistums Köln mit dem Motto überschrieben: „Wandel gestalten — Glauben entfalten — Perspektive 2020“. Was wollen Sie damit zum Ausdruck bringen? Wie setzen Sie die Prioritäten? 

MEISNER: Als Kirche Christi ist und bleibt uns aufgetragen, Christus und seine Frohe Botschaft für die Menschen erfahrbar und berührbar werden zu lassen. Das ist unser zentraler Auftrag, dem wir alles andere unterordnen müssen. Seit Jahren erlebe ich aber, dass uns Struktur- und auch Finanzdiskussionen in diesem Auftrag bremsen, ja teilweise lähmen. Mit der erfolgreichen Bewältigung von „Zukunft heute“ wollten wir ja gerade Raum gewinnen, um uns stärker mit unserem Glauben, insbesondere aber auch mit unserer missionarischen Sendung zu beschäftigen. Wir müssen jetzt handeln, damit wir als Kirche von Köln auch in den kommenden Jahren die Seelsorge für alle Menschen in den Dörfern und Städten sicherstellen können. Wir dürfen nicht tatenlos zusehen, wie sich um uns herum und in der Kirche die Rahmenbedingungen immer weiter verändern. Wir müssen selbst Hand anlegen und den notwendigen Wandel gestalten. Der andauernde Priestermangel, aber auch die sinkende Katholikenzahl aufgrund der demographischen Entwicklung in unserem Land zwingen uns dazu.

Dabei gibt es drei Rahmenbedingungen, die ich daher nicht zur Diskussion stellen kann. Erstens: Wir müssen die Zahl der Seelsorgebereiche reduzieren, damit wir mittelfristig — ich hoffe bis mindestens 2020 — für jeden Seelsorgebereich einen leitenden Pfarrer haben. Das heißt: In etwa 80 Seelsorgebereichen lege ich eine Zusammenlegung mit dem Nachbar-Seelsorgebereich fest. Zweitens: Wir müssen zu schlankeren und strafferen Kooperationsformen kommen, die der Seelsorge dienen und dabei die unverzichtbare Aufgabe und den Weltauftrag der Laien ernst nehmen. Drittens: Wir müssen in diesen Strukturänderungen schnell sein, um uns wieder unserem zentralen Auftrag zuwenden zu können. Der ganze Prozess steht unter dem Leitwort: Wandel gestalten — Glauben entfalten. Wir haben dem Wandel der äußeren Bedingungen Rechnung zu tragen, aber nicht um der Strukturen willen, nicht um Liebgewonnenes um jeden Preis zu halten, sondern um den Menschen die Frohe Botschaft zu verkündigen, um wahrhaftige Zeugen zu sein, mit anderen Worten: um den Glauben zu entfalten. Darum ist mir der zweite Teil des Mottos im Grunde viel wichtiger.

FRAGE: Warum ist dazu die Neuordnung der Seelsorgebereiche erforderlich?

MEISNER: Wir müssen immer stärker in der Dimension des Seelsorgebereiches denken. Schon in den vergangenen Jahren haben wir uns in dieser Zusammenarbeit geübt, jetzt aber müssen wir zügig effektivere Formen der Kooperation finden. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass wir ab 2009 für jeden Seelsorgebereich nur noch einen leitenden kanonischen Pfarrer haben werden. Es ist eine Tatsache, dass die Zahl unserer Priester in den kommenden Jahren um ein Drittel abnehmen wird. Die Priester stehen aber nicht deshalb im Zentrum unserer jetzigen Überlegungen, weil irgendeiner in der Kirche sich das so ausgedacht hat und unter allen Umständen daran festhält, sondern weil Jesus Christus seine Kirche so verfasst hat und wir keine Vollmacht haben, das zu ändern.

Zugleich folgt aus dem gegenwärtigen Priestermangel, dass all jene Frauen, Männer, Jugendlichen und Kinder, die in den Gemeinden ehrenamtlich oder hauptamtlich mitarbeiten, mehr Freiräume bekommen, um das kirchliche Leben vor Ort mitzugestalten. Die Strukturen und die hohe Anzahl der Gremien, die wir heute vorfinden und die gewachsen sind, als die personelle Versorgung der Gemeinden mit Priestern noch besser war, geben das nicht her. Ich habe mit den Gremien, die den Erzbischof beraten, zwei Modelle erörtert, wie diese Kooperation aussehen kann: Ein Modell ist die Fusion eines ganzen Seelsorgebereichs zu einer Pfarrei, das andere Modell ist die so genannte Pfarreiengemeinschaft. Beide Modelle haben Auswirkungen auf unsere gewohnte Gremienstruktur.

Wenn wir den Pfarrgemeinderat als Beratungsgremium für die pastoralen Grundsatzfragen ernst nehmen, ist es sinnvoll, dass der eine leitende Pfarrer auch nur von einem Pfarrgemeinderat beraten wird. Ich weiß sehr wohl, dass dies in Teilen des Erzbistums so aufgefasst worden ist, als sollte die Mitsprache der Laien zurückgenommen werden. Das Gegenteil ist gewollt.

Pfarrgemeinderäte unterstützen ihrem Auftrag nach als gute Ratgeber auch zukünftig wesentlich den Pfarrer in seiner Leitungsaufgabe. Als Ende der 60er Jahre die ersten Pfarrgemeinderäte gewählt wurden, hatte jede Gemeinde in unserem Erzbistum nicht nur ihren eigenen Pfarrer, sondern meist auch einen Kaplan, einen Subsidiar, die Gemeindeschwester und eine Vielzahl von Verbänden und Gruppierungen. Wir müssen auch hier umdenken und Kräfte konzentrieren, ohne damit das absolut notwendige örtliche Engagement abzuwerten oder gar einzuschränken.

Wenn alle engagiert bleiben, die auch jetzt aktiv sind, werden die Ressourcen für das Ganze effektiver zum Zuge kommen. Wenn wir eine missionarische „Geh-hin-Kirche“ sein wollen, dürfen wir nicht so viel Zeit in Sitzungen und an Schreibtischen zubringen. Wir brauchen selbstverständlich die Menschen, die diese Arbeit für die Kirche tun und sich in Büros und Gremien um die Belange der Gemeinden kümmern, aber wir sollten uns nicht täuschen: Das ist nicht das Ziel, um dessen Willen Jesus Christus seine Apostel und uns alle in die Welt gesandt hat.

FRAGE: Viele engagierte Frauen und Männer in den Gemeinden sowie in den Stadt- und Kreisdekanaten befürchten trotzdem, dass mit den Strukturen auch gleich die Mitarbeit und vor allem die Mitverantwortung der Laien in den Gremien beschnitten werden soll. Sie fühlen sich nicht mehr gebraucht und nicht mehr erwünscht. Wie gehen Sie mit dieser Stimmung um? 

MEISNER: Ich nehme das sehr ernst, denn wir können es uns nicht leisten, dass engagierte Ehrenamtliche sich frustriert von uns abwenden. Die Kirche braucht immer, aber gerade in Zeiten, in denen die Priesterzahl zurückgeht, besonders notwendig das Engagement und das Zeugnis jedes Christen. Deswegen müssen wir zweifellos neue Perspektiven für das Ehrenamt entwickeln. Ob jemand in der Kirche gebraucht wird, hängt ja nicht davon ab, ob der oder die Betreffende ein Amt innehat oder nicht. Durch die Taufe wird jeder Christ zum Mitarbeiter. Wir lassen deshalb niemanden allein stehen, der seine Talente und seine Kräfte ins kirchliche Leben einbringen möchte, ganz im Gegenteil: Wir bitten darum.

Ich habe den Vorstand des Diözesanrates gebeten, gemeinsam mit meinen Mitarbeitern im Generalvikariat die neue Satzung für die Pfarrgemeinderäte zu entwickeln. Im Zusammenhang mit diesem Prozess sollen auch gleich Perspektiven für die Entwicklung des Ehrenamtes diskutiert werden. Ich glaube, dass es hier Möglichkeiten gibt, die wir bislang noch gar nicht sehen.

Ein Beispiel: Vor dem Weltjugendtag haben wir in unseren Seelsorgebereichen die Kernteams ins Leben gerufen. Junge Leute haben hier Verantwortung übernommen und mitbestimmt, wie der Weltjugendtag konkret in ihrer Gemeinde, ihrem Seelsorgebereich aussehen soll. Das hat funktioniert, weil sich alle von der Aufgabe begeistern ließen und an einem Strang zogen.

Ich bin überzeugt, dass wir auch im aktuellen Prozess ähnliche gute Lösungen entwickeln können. Zum jetzigen Zeitpunkt geht es zunächst darum, die unveränderbaren theologischen Rahmenbedingungen der Kirche in der neu entstandenen Situation in Anwendung zu bringen. Das bedeutet, die Reduzierung der Seelsorgebereiche von 221 auf 180 durchzuführen. Die diözesanen Gremien habe ich gebeten, mir bis Ende Oktober ein Votum zu übermitteln, ob die Fusion oder die Wahl zwischen Fusion und Pfarreiengemeinschaft der richtige Weg für unser Erzbistum ist. Sobald mir alle Voten vorliegen, werde ich die Entscheidung treffen und Anfang November alle Gläubigen im Erzbistum darüber informieren.

FRAGE: Beklagt wird auch die bisherige Kommunikation zwischen dem Erzbistum und den Betroffenen.

MEISNER: Was das betrifft, ist sichergestellt, dass ich in engem Kontakt stehe mit den Laiengremien auf Diözesanebene, also dem Diözesanrat und dem Diözesanpastoralrat. Wie den Priesterrat habe ich diese beiden Gremien beispielsweise um Voten gebeten über die Frage, wie ihrer Ansicht nach die Zusammenlegung der Pfarreien gestaltet werden soll. Ich erwarte von ihnen aber zugleich, dass sie ihrerseits die Gremien auf den Ebenen der Stadt- und Kreisdekanate sowie der Pfarrgemeinden in diesen Konsultationsprozess einbeziehen. So verstehe ich die Eigenständigkeit und Mitverantwortung dieser miteinander vernetzten Gremien. Darum ist die Kommunikation in dieser Phase unseres Entwicklungsprozesses, wenn Sie so wollen, eher dezentral angelegt.

FRAGE: Bis zur Neustrukturierung der Seelsorgebereiche zum 1. Januar 2008 und der kompletten Umsetzung bis 2011 scheint sehr wenig Zeit zu sein. Was bleibt denn da für die Gremien auf allen Ebenen noch zu tun?

MEISNER: Zum 1. Januar 2008 weiß jede Gemeinde, wer ihre Partner im Seelsorgebereich sind. Das ganze Jahr 2008 können wir dann für die Umsetzung der Zusammenlegung und die Vorbereitung der gemeinsamen Arbeit nutzen, damit es nun wirklich im Jahr 2009 beginnen kann. Ich betone noch einmal: Unsere Strukturen sind kein Selbstzweck, wir sind für die Menschen da. Wir haben das Datum der Zusammenlegung absichtlich so früh gelegt, damit wir danach wirklich viel Zeit haben, diese neue Struktur mit Leben zu füllen. Deswegen müssen wir möglichst bald damit beginnen, für jeden Seelsorgebereich ein Pastoralkonzept zu entwickeln. Dazu stehen dann auch die Mitarbeiter der Hauptabteilung Seelsorgebereiche und sicher auch die Fachleute des Diözesanrates unterstützend zur Verfügung. Ich hoffe sehr, dass alle Verantwortlichen in den Gremien und in den Seelsorgebereichen ihre Kreativität jetzt schon über das Datum des 1. Januar hinaus ausrichten.

FRAGE: Sie werden vor dem Jahresende ein Hirtenwort herausbringen, von dem schon jetzt manche annehmen, dass es für das Erzbistum Köln eine der bedeutendsten Weichenstellungen der vergangenen Jahre bringen wird. Was dürfen die Gläubigen in Ihrer Erzdiözese erwarten? 

MEISNER: Erwarten dürfen sie einen dringenden Aufruf und eine herzliche Bitte, dass alle mit ihren kleinen oder großen Möglichkeiten mithelfen, in den gegenwärtigen Umbrüchen, die wir mit unseren Schwestern und Brüdern in der gesamten Kirche durchzustehen haben, die innere Einheit zu bewahren und unsere Zuversicht und unsere Hoffnung auf die Führung des Heiligen Geistes nicht zu verlieren. Meine Bitte um das beständige Gebet aller wird dann weiter darin stehen.

FRAGE: Welche Empfindungen und Überlegungen verbinden Sie ganz persönlich mit dem jetzt begonnenen Prozess? 

MEISNER: Sie können mir glauben: Für mich ist das wirklich ein schmerzlicher Prozess. Es ist für einen Bischof nicht leicht, nach 18 Jahren zurückblicken zu müssen und zu sehen, dass er seine Diözese fast unablässig mit Strukturentwicklungen und Ähnlichem in Atem gehalten hat. Dabei denke ich oft: Müsste ich nicht mehr Erbarmen mit den Gläubigen vor Ort haben? Da war damals das Pastoralgespräch, dann „Zukunft heute“ und jetzt die Neuordnung der Seelsorgebereiche. Schauen Sie einmal zurück in die Vergangenheit: Mein Vor-Vorgänger Josef Kardinal Frings hat in seiner Amtszeit viele neue Kirchen weihen können, er hat erlebt, wie Gemeinden Pfarrzentren gebaut und Kindergärten eröffnet haben.

Meine Amtszeit als Bischof steht unter völlig anderen Vorzeichen. Da ist es kein Trost, dass es in anderen deutschen, ja fast in allen westeuropäischen Ortskirchen ähnlich aussieht. Vor allem, wenn ich an das Leitwort meines ersten Kölner Hirtenbriefs denke: „Tragt das Evangelium zum Heil der Welt in das 3. Jahrtausend“, habe ich manchmal fast ein schlechtes Gewissen. Das sagt mir dann: Du hast damals aufgerufen, das Evangelium zu verkünden, und gleichzeitig deine wichtigsten Mitarbeiter permanent mit Strukturentwicklungen beschäftigt, immerzu den Mangel verwaltet und notwendige Anpassungen vornehmen müssen. Mir hängen diese Dinge oftmals — ehrlich gesagt — zum Hals heraus, weil ich dabei das Gefühl nicht loswerde, damit nicht zum Eigentlichen vorzustoßen.

Aber das hat sicherlich mit der Wirklichkeit der Kirche zu tun, die eben nicht bloß eine geistige, sondern auch eine zutiefst irdische Realität ist, sodass Verkündigungsauftrag und Strukturen sich nicht gegeneinander ausspielen lassen. Sie gehören in gewisser Weise zusammen. Das aber wird nur dann fruchtbar, wenn man das gemeinsame Ziel im Auge behält.

Manchmal fühlt sich angesichts der aktuellen Situation auch ein Bischof hilflos, denn Priesterberufungen kann man nicht machen, er kann wie alle immer nur beten: „Herr, sende Arbeiter in deinen Weinberg.“ Letztlich dürfen wir aber anerkennen, dass Christus selbst der Herr der Ernte ist. Wenn wir getan haben, was uns Menschen möglich ist, dann dürfen wir vertrauen, dass er für das Übrige sorgt. Er weiß, wohin dieser Weg uns führen wird. Ich bete täglich darum, dass die Menschen im Erzbistum Köln diesen Weg mit mir gemeinsam gehen, und ich bitte von Herzen auch alle Schwestern und Brüder um dieses Gebet.

Das Interview führte:
STEPHAN GEORG SCHMIDT

© 2007  by Kirchenzeitung für das Erzbistum Köln